Das geistliche Wort
Wie sich die Gestalt der Kirche wandelt
Ein paar Schritte zurücktreten – das kann helfen, die aktuellen Veränderungen der evangelischen Kirche einzuordnen. Wir stehen vor vielfältigen Herausforderungen: Gemeinden schrumpfen, schließen sich mit anderen Gemeinden zusammen, der Anteil der Christen insgesamt sinkt, der Zuschnitt von Pfarrstellen ändert sich, und einst selbstverständliche Traditionen wie Taufe oder Trauung werden hinterfragt. Der Glaube an Gott ist vielen fremd geworden.
Solche Umbrüche sind kein Novum in der Kirchengeschichte. Der Übergang von der Christenverfolgung im römischen Reich hin zur Staatskirche, die Reformation als religiöse Erneuerungsbewegung im Mittelalter und auch heute: Die alte Gestalt der Kirche kam an ein Ende und eine neue begann im Verborgenen in der zu Ende gehenden Zeit.
Heute wirbeln digitale Revolution und globale Migration die Konfessionen und Religionen durcheinander, wir erleben die Auflösung von Selbstverständlichkeiten, von Tradition und Familie. Die Fragen des christlichen Glaubens gewinnen zeitgleich an Dringlichkeit: Menschenwürde, Identität, Trost im Leben und Sterben, Wege aus der Einsamkeit in einer Konkurrenzgesellschaft. Die Fragen nach Gott und dem Sinn des Lebens verschwinden nicht, weil es Smartphones und KI gibt, im Gegenteil.
Wohin wird die Reise für unsere liebe evangelische Kirche in einer pluralen Gesellschaft gehen? Für uns Evangelische wird es wichtig sein, klar zu formulieren, was wir glauben. Der Kern unseres Glaubens ist die frohe Botschaft von Jesus Christus. Evangelisch zu sein heißt, aus der Gnade zu leben.
Gemeinden brauchen Menschen, die sie tragen, doch die Grenzen nach außen werden durchlässiger, dazu gehört auch eine ökumenische Offenheit. Kirche setzt Akzente bei der Bildung junger Menschen in einer immer komplexeren Welt. Fragen der Finanzierbarkeit von Kirche stehen angesichts der sinkenden Mitgliederzahlen im Mittelpunkt der Arbeit, hier gibt es noch keine zufriedenstellenden Antworten.
Trotz aller Veränderungen: Die Botschaft von der Freiheit des Christenmenschen und der Glaube an Christus werden auch in 100 und 200 Jahren noch tragen. Doch wie wir als Kirche leben, wandelt sich – und dieser Wandel liegt auch in unserer Hand. Denn die Kirche lebt nicht von Strukturen, sondern von den Menschen, die sie mit Leben füllen.
Superintendent Dr. Hartmut Sitzler
Evangelischer Kirchenkreis an Lahn und Dill

