Das geistliche Wort

Barmherzig – warmherzig

Je länger die Corona-Pandemie andauert, umso mehr Frauen, Männer und Kinder sind unzufrieden. Die einen können sich nicht mehr mit den anderen treffen, viele Selbständige können nicht mehr von dem leben, was sie erwirtschaften, viele Kinder sind das Testen leid, andere die Einschränkungen bei kleineren und größeren Treffen. Alles zu verstehen.

Der ehemalige Gesundheitsminister gab sehr früh zu bedenken: wir ­werden uns viel verzeihen müssen. Da hat er recht – immer noch. Aber gerade diese Bereitschaft sehe ich im Schwinden. Wer verzeiht, gibt zu, dass ihm Unrecht geschehen ist, gibt aber durch diese großzügige Geste aus der Hand, nun sein Recht erstreiten zu wollen. Ich verzeihe dir – das stellt uns wieder auf eine Stufe.

Verzeihe ich nicht, bestehe ich darauf, dass mir Unrecht getan wurde und trage das nach. Wer aber nachtragend ist – unser deutsches Wort macht ein eindrückliches Bild daraus –, schleppt sich mit der Vergangenheit ab, die in die jeweilige Gegenwart mitgenommen wird, sicher auch eine Last ist, aber bei einigen zur mitgetragenen Festung wird: ihr habt Unrecht, ihr müsst euch ändern.

Jesus Christus sagt in der Bergpredigt: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ Wer sich an dem ungebräuchlichen Wort „barmherzig“ stößt: warmherzig trifft es auch ganz gut.

Da sorge ich schon dafür, dass der andere mir nicht misstraut, da schaffe ich den Raum, dass ein Gespräch möglich ist, da sorge ich dafür, dass ich nicht fordere, Recht haben will oder meine Ohren verschließe.

Da ist ein anderer Ort, und ich verschließe mein Herz nicht vor ihm. Und auch, wenn wir jetzt jede Menge Beispiele bieten können, zu was das in der Vergangenheit geführt hat, barmherzig zu sein: wer so handelt, ­wessen Herz so schlägt, der macht es richtig. Sagt Jesus nicht selbst: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist?“ (Lukas 6,36) Von ihm kommt die Barmherzigkeit in unserem Leben, die auch ausreicht und dazu reizt, sie weiterzugeben.

Mit lieben Grüßen

Pfarrer Dr. Siegfried Meier