Kreissynode Wetzlar tagt in Lützellinden

Mehr als Provokateur und weniger als Chronist hat Jörg Süß seine Rolle beim Verfassen seines ersten Jahresberichtes als Superintendent des Kirchenkreises Wetzlar verstanden: „Damit etwas vom Protest am Protestantismus zu erkennen ist.“ So fragte er bei der Kreissynode im Evangelischen Gemeindehaus Lützellinden ob das Reformationsjubiläum nicht „viel Lärm um nichts“ gewesen sei: „Wer liest noch in der Bibel? Wer betet noch über den Texten, wer richtet sein Leben danach aus?“ Oder: „Was haben wir, was andere nicht anbieten können?“ Eine Kirche, die darauf nicht antworten könne, sei nicht mehr nötig, erklärte der Theologe. Im Blick auf die Ökumene mit der katholischen Kirche plädierte er für ein evangelisches Profil, das im Dialog für klare Unterscheidungen sorgt. Und angesichts der weltweiten Partnerschaften des Kirchenkreises mit Burkina Faso, Namibia und Siena: „Sind wir zu sicher, zu reich, zu satt, um im Glauben gewiss und kräftig in der Tat zu sein?“ Dankbar zeigte sich der Superintendent für den großen ehrenamtlichen Einsatz bei der Hilfe für Geflüchtete. Gleichzeitig bedauerte er, dass die mit einem Umfang von 25 Prozent eingerichtete Pfarrstelle für die Flüchtlingsarbeit, die mit der Entlastung des Superintendenten kombiniert ist, bislang nicht besetzt werden konnte. Wie sein Amtskollege Roland Rust bezog auch Jörg Süß deutlich Stellung gegen eine Ausweitung der Sonntagsöffnungen und gegen das für 2018 vom Wetzlarer Stadtmarketing geplante Bonnie Tyler-Konzert am Karfreitag.

Eine Zukunftsperspektive stellt für den Theologen das Beispiel des Bistums Poitiers dar: Das dortige Konzept sieht ein Basisteam aus mindestens fünf Menschen mit Verantwortung für Verkündigung, Diakonie, Gebet, Verwaltung und Vernetzung der Region vor und führe damit zur Entlastung. Wo sich keine fünf Verantwortlichen fänden, werde die Versorgung mit Amtshandlungen wie Taufe, Trauung und Beerdigung geleistet, doch es fänden keine regelmäßigen Gemeindegruppen und Gottesdienste mehr statt. „Können wir künftig in unseren Gemeinden Ehrenamtliche offiziell beauftragen, schulen und ermutigen, bestimmte Dienste zu übernehmen?“ -Das war auch Thema bei der Aussprache über den Superintendentenbericht sowie über die Jahresberichte der Gemeinden und kreiskirchlichen Arbeitsgebiete. Der Austausch erfolgte in Tischgruppen, wobei die Frage nach dem inhaltlichen Profil des künftigen „Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill“ im Vordergrund stand. Auf farbigen Plakaten notierten die 54 Synodalen aus 18 Kirchengemeinden, was sie in ihrer kirchlichen Arbeit begeistert (beispielsweise Jugendarbeit, mit anderen Gottesdienste zu gestalten und die Lust, Kirche zukunftsfähig zu verändern), was sie herausfordert, was sie in Zukunft lassen wollen (unter anderem Kreise, die kaum noch Mitglieder haben und das pfarrzentrierte Denken), was für sie Priorität hat und was sie hindert, sich zu verändern (verkrustete Strukturen, Angst vor eigener Begrenzung und Überforderung).

Da die Kirchensteuerzahlen des Jahres 2015 jetzt vorliegen, wurde noch einmal das von der Synode ab 2015 beschlossene Kirchensteuerverteilungsmodell erläutert. Eine Übersicht über die Finanzkraft der einzelnen Kirchengemeinden gab der stellvertretende Rentamtsleiter Jens Scholz.

Weiterhin wird die Kreissynode Wetzlar zur „Begegnung mit dem Islam“ einen Diskussionsbeitrag bei der Landessynode 2018 einbringen, auf der dies theologisches Schwerpunktthema sein wird. Ob Christen und Muslime an einen, beziehungsweise denselben Gott glauben, wurde von den Synodalen lange und intensiv diskutiert. Da die Wetzlarer Synode beim Vergleich der biblischen Positionen über das Wesen Gottes mit denen des Koran Differenzen sieht, stimmt sie der Aussage nicht zu, dass Muslime an den dreieinigen Gott glauben, den sie als Christen anbeten. „Wir halten an dem christologischen und trinitarischen Glaubensbekenntnis fest, dass sich Gott in Jesus Christus endgültig zu unserem und dem Heil der Welt offenbart hat“, heißt es in der Erklärung.

Dabei war sich die Synode bewusst, dass diese Position nicht der Arbeitshilfe „Abraham und der Glaube an den einen Gott“ entspricht, die von der Landessynode 2009 beschlossen wurde und an der auch der verstorbene Pfarrer Horst Kannemann (Kirchengemeinde Lützellinden) entscheidend mitgewirkt hatte.

„Wir bringen als Christen unser Bekenntnis in die Diskussion mit den Muslimen ein, so Pfarrer Stephan Hünninger. Der Synodalbeauftragte für den Christlich-Islamischen Dialog bat, auch die unterschiedlichen Formen des Islam und die vielfältige Auslegung des Koran zu bedenken. Pfarrer Wolfgang Grieb, kreiskirchlicher Beauftragter für das Christlich-Jüdische Gespräch: „Anders an den einen Gott glauben heißt nicht, an einen anderen Gott glauben.“

„Wir müssen unsere Eindeutigkeit nach außen tragen“, sagte dagegen Pfarrer Siegfried Meier (Wetzlar). Er brauche keine Harmonie um jeden Preis. Und für Pfarrer Christian Silbernagel (Wetzlar) ist der Antrag der Synode ein Ausdruck dafür, Muslime mit ihrer eigenständigen Gottesvorstellung wahrzunehmen und wertzuschätzen.

In seinem Grußwort dankte Professor Michail Nikolskij, Ikonenmaler aus Tambow, anlässlich des 25-jährigen Partnerschaftsjubiläums mit dem Evangelischen Kirchenkreis Wetzlar mit der Metropolie Tambow für die gute Zusammenarbeit. Derzeit gibt es eine Ausstellung seiner Ikonen in der Unteren Stadtkirche Wetzlar.

Landeskirchenrat Volker König warb im Grußwort der Landeskirche dafür, im Sinne von Pslam 119, Vers 116, der Aufschrift auf dem Siegel des neuen Kirchenkreises, gegen den Zeitgeist der Ignoranz Grenzen zu überschreiten und mit Interesse anderen Menschen zu begegnen.

Warum sie in einer umstrittenen Kirche dennoch gerne Pfarrerin ist, beschrieb Manuela Bünger (Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach) in ihrer Andacht über die Verse 66 bis 69 aus dem 6. Kapitel des Johannesevangeliums. „Mein Glaube hängt von Christus ab, nicht von Menschen“, sagte sie im Blick auf Enttäuschungen durch Christen. Kirche sei zudem ein Ort, an dem heilsame Beziehungen zu finden seien. Aus den Worten Jesu ströme neue Hoffnung im Scheitern, neue Visionen in Resignation. Dies könne die Wirklichkeit verändern und das Leben neu machen.

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