Superintendentin Ute Kannemann tritt in den Ruhestand

Ein glaubwürdiges Zeugnis des christlichen Glaubens geben

Ute Kannemann, Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Wetzlar und Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Lützellinden, tritt zum 1. Januar 2017 in den Ruhestand. Im Interview berichtet sie über gute und schwierige Erfahrungen ihres Dienstes in Gemeinde und Kirchenkreis sowie über die Themen, die in ihrer Amtszeit an erster Stelle standen.
 
Als Sie im April 2006 Ihren Dienst als Superintendentin antraten, stand die rheinische Kirche vor der Notwendigkeit, massiv einzusparen. Was ist im Laufe Ihrer Amtszeit geschehen, um dem in unserer Region Rechnung zu tragen?
 
Die rheinische Kirche hat seit 2007 mit der Pfarrstellenverteilungsrichtlinie und der Personalkonzeption Prozesse eingeleitet, die die demographische und finanzielle Entwicklung ins Auge fassen. Dabei geht es nicht um das Sparen um des Sparens willen, sondern darum, wie wir unser kirchliches Leben gestalten und mit unseren Ressourcen wirtschaften – für den Dienst am Evangelium und an den Menschen.
Wir haben in unserem Kirchenkreis eine Pfarrstellenkonzeption und eine Personal- und Regionalkonzeption entwickelt, die sich an der Zahl der Gemeindeglieder orientiert und auch die Gebäude in den Blick nimmt. Entsprechend wird die Verteilung der Kirchensteuer vorgenommen. Die Gemeinden werden so in die Lage versetzt, ihren Auftrag vor Ort und in der Region mit den Nachbargemeinden weiterzuentwickeln - trotz Rückgang der Gemeindegliederzahlen, langfristig auch der Kirchensteuer, nah bei den Menschen zu sein. Hier sind wir gemeinsam an unserer Aufgabe.
 
Finanzen und Strukturen gehören seit längerem zu den Schwerpunktthemen  von Kirche. Welche Themen sind Ihnen darüber hinaus wichtig gewesen?
 
Das Gespräch mit den Mitarbeitenden und eine gute Kommunikation waren mir immer sehr wichtig. Dazu das gottesdienstliche Leben der Gemeinden, die Seelsorge und Diakonie, die konfessionelle und die weltweite Ökumene, die Partnerschaftsarbeit, insbesondere mit dem Kirchenkreis Windhoek, der Eparchie Tambow und TIKATO, sozialethische Themen wie Sterbehilfe, Arbeitswelt, Frieden und soziale Gerechtigkeit bei uns und weltweit. Alles in allem ein glaubwürdiges Zeugnis des christlichen Glaubens in unserer Zeit zu geben.
 
Ein aktuelles Thema ist die Integration von Flüchtlingen. Wie stehen Sie dazu?
 
Hier ist viel zu tun! Als Christen ist uns biblisch geboten, „den Fremden wie einen Einheimischen bei uns wohnen zu lassen“ (3. Mose, Kapitel 19, Verse 33 und 24). In diese Aufgabe bringen wir uns ein, wenn wir in unserer Gesellschaft zusammenstehen und denen, die bei uns bleiben, eine Lebensperspektive eröffnen. Ich bin sehr dankbar, dass sich seit vorigem Herbst so viele Menschen in unseren Gemeinden ehrenamtlich für Flüchtlinge engagiert haben und sich für eine gelingende Integration einsetzen. Dazu gehört in manchen Fällen auch der Einsatz für ein Bleiberecht und für unvoreingenommene Prüfung sowie die korrekte Übersetzung bei den Anhörungen. Aber auch Rechtssicherheit für die, die sich engagieren. Ich bin dankbar für die gute Zusammenarbeit sowohl im kirchlichen Bereich als auch mit den zuständigen Mitarbeitenden der Landkreise und der Stadt Wetzlar sowie weiterer gesellschaftlicher Kräfte in Wirtschaft und Arbeitswelt und zahlreicher Hilfswerke und Vereine.
 
Sie sind 2005 zur ersten Superintendentin in der heimischen Region gewählt worden. Welche Herausforderung bedeutete dies für Sie als Frau?
 
Ich fand es ganz normal, dies als Frau – als der Mensch, der ich bin – zu tun. Mit der Erfahrung von über 20 Jahren Pfarramt und in unterschiedlichen Arbeitsgebieten des Kirchenkreises. Seit 1999 war ich bereits stellvertretende Superintendentin. Es gab einzelne Personen, für die eine Frau in diesem Leitungsamt eher ungewohnt war. Offene Ablehnung ist mir nicht begegnet, und auf Sachebene habe ich mit allen Beteiligten gut zusammenarbeiten können. Meine Familie hat mich damals bestärkt, für dieses Amt zu kandidieren und mein Engagement immer unterstützt.
 
Und warum sind Sie Pfarrerin geworden?
 
Ich habe es nach meiner Zeit als Kindergottesdiensthelferin in meiner Heimatgemeinde und weiterer Beschäftigung mit biblisch- theologischen Fragen sowie Gemeindeerfahrungen zu Anfang meines Studiums als eine Berufung verstanden, das Evangelium weiterzugeben. Die Verbindung von Verkündigung des Evangeliums und sozialem Leben hat mich immer interessiert. Das Miteinander in der Gemeinde von sehr unterschiedlichen Menschen hat mir Freude gemacht, mich herausgefordert und bereichert.
 
Welche positiven Erfahrungen haben Sie gemacht und mit welchen Herausforderungen mussten Sie sich auseinandersetzen?
 
Ich kam 1982 als erste Pfarrerin in eine Gemeindepfarrstelle im Kirchenkreis Wetzlar – zuerst im damals sogenannten „Hilfsdienst“, nach Lützellinden. Ich habe vor allem freundliche und offene Aufnahme erfahren, anfänglich von wenigen Leuten auch Skepsis und geistliche Hinterfragung.
Ende 1983 hat mich das Presbyterium einstimmig als Pfarrerin gewählt. Nach der Geburt unserer Kinder 1986 und 1988 haben mein Mann und ich uns seit Juli 1988 die Arbeit in der Pfarrstelle Lützellinden geteilt – für uns beide die Möglichkeit, Beruf und Familie zu vereinbaren. Die Kirchengemeinde hat auch unser Engagement in der Namibia-Partnerschaft, im Verein Junge Arbeit Wetzlar e.V. und andere synodale Aktivitäten mitgetragen. Die Arbeit mit der Bibel war für uns immer grundlegend, auch über kontroverse Themen zu sprechen – wie über die jeweilige christliche Sozialisation, politisches Engagement von Christen und schließlich auch über Lebensformen und den Dialog mit dem Islam.
 
Die Arbeit in Ihrer Kirchengemeinde Lützellinden lief während Ihres Superintendentenamtes weiter. Wie konnten Sie beides miteinander vereinbaren?
 
Als ich Superintendentin wurde, wurde mein Mann zu 75 Prozent mein Entlastungspfarrer in der Kirchengemeinde. Meinen verbleibenden Anteil habe ich vor allem im gottesdienstlichen Leben der Gemeinde und im Religionsunterricht in der Grundschule eingesetzt, der mir über 29 Jahre sehr viel Freude gemacht hat. Durch die anstrengenden Strukturprozesse im Kirchenkreis musste ich dieses Engagement ab dem Schuljahr 2013/14 beenden. Zuvor ist zu erwähnen, dass mein Mann Anfang 2009 unerwartet verstarb und erst ab 2010 Pfarrer Horst Daniel die Entlastungspfarrstelle übernehmen konnte. 2009 haben mich mehrere Kolleginnen und Kollegen in der Gemeindearbeit unterstützt. Diese Solidarität zu erfahren hat mir auch in der Trauer sehr geholfen.
 
Welche Perspektive sehen Sie für die Zukunft der evangelischen Kirche in unserer Region?
 
Wir werden auf Dauer weniger Gemeindeglieder, aber auch weniger Pfarrstellen und Personal haben. Kleine Gemeinden werden sich zusammentun müssen. Diese Prozesse haben längst begonnen – und ich wünsche mir, dass sie noch mehr als Chance für die Zukunft angenommen werden. Wir sind dabei zu lernen, was es heißt, miteinander Kirche zu sein und vor Ort eigene Akzente zu setzen, Menschen einzuladen und mit ihnen die frohe Botschaft von Jesus Christus zu teilen. Über die Ebene der Gemeindearbeit hinaus wird in unserer Region die Begleitung von Menschen an wichtigen Lebensstationen sowie in Krisensituationen immer wichtiger – etwa in der Krankenhaus-, Notfall-, Polizei- und Telefonseelsorge,  aber auch in der Schulseelsorge und in der Begleitung alter und sterbender Menschen in Heimen und Hospizen.
 
Und welche Vorhaben begleiten Sie persönlich im Blick auf die Zukunft?
 
Ich freue mich auf eine neue Lebensphase mit mehr Zeit für Menschen, die mir wichtig sind, Reisen, Musik und Gesang, Theater und gute Lektüre und nicht zuletzt theologische Weiterarbeit an Themen, die mich interessieren. Dies sind Fragen der Ökumene, des Friedens und der Gerechtigkeit, des theologischen Dialogs mit den Religionen, ein in den Herausforderungen unserer Zeit dialogfähiges Zeugnis unseres christlichen Glaubens an den dreieinigen Gott. Darüber hinaus freue ich mich auch auf mehr Zeit für körperliche Bewegung drinnen und draußen!
 
Zur Person Ute Kannemann
 
1953 in Gummersbach geboren, studierte die Mutter zweier erwachsener Kinder in Bonn und Tübingen evangelische Theologie. Nach dem Vikariat in Essen-Rüttenscheid war Ute Kannemann anderthalb Jahre in Lützellinden als Pastorin im Hilfsdienst tätig, wurde dort ordiniert und am Neujahrstag 1984 als Gemeindepfarrerin in dem Gießener Stadtteil eingeführt. Achtzehn Jahre lang haben sie und ihr Mann, Pfarrer Horst Kannemann, sich die Pfarrstelle geteilt. Seit 1998 arbeitet sie im Kreissynodalvorstand mit. Im November 2005 wählte die Kreissynode Wetzlar Ute Kannemann als erste Frau im Kirchenkreis zur Superintendentin. Die Theologin war im Vorstand und als Mitglied zahlreicher kreiskirchlicher und landessynodaler Gremien engagiert, so beispielsweise im Sozialethischen Ausschuss, in der Namibiapartnerschaft und in der kreiskirchlichen Frauenarbeit. Darüber hinaus vertrat sie die Interessen ihres Kirchenkreises mehr als 24 Jahre lang als Landessynodale und als stellvertretendes Mitglied der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland.
Die Verabschiedung am Sonntag, 1. Januar 2017, nimmt der rheinische Präses, Pfarrer Manfred Rekowski, vor. Beginn ist um 14 Uhr mit einem Festgottesdienst in der Evangelischen Kirche Lützellinden (Rheinfelser Straße 15). Im Anschluss gibt es eine Nachfeier im evangelischen Gemeindehaus (Hörnsheimer Straße 6).

 

Text und Fotos:

Öffentlichkeitsreferat
Evangelische Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar
Uta Barnikol-Lübeck

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